Über die Magie des Spielens

Erscheint es Dir auch zuweilen so als sei dein Kind über Nacht ein paar Zentimeter größer geworden? Tatsächlich gehen Wissenschaftler davon aus, dass ein Großteil des Knochenwachstums bei Kindern in Ruhe- und Schlafzeiten geschieht. Auch viele andere Entwicklungs- und Wachstumsprozesse geschehen von einem Platz der Ruhe aus. Wenn wir in die Natur blicken ist es der natürliche Rhythmus der Jahreszeiten, der uns dieses Lebensprinzip aufzeigt: Auf den Winter - in dem sich die Natur ausruht und in dem kein sichtbares Wachstum stattfindet - folgt der Frühling mit all seinem Sprießen und Wachsen und dem neuen Leben. Ruhe und Regeneration scheinen somit wichtige Bedingungen für gesunde Entwicklung zu sein.

Nun gibt es neben der Regeneration, die beim Schlafen erfolgt, noch eine andere Form der Regeneration, die ähnlich effektiv wie das Schlafen ist - nämlich das Spielen. Forscher haben herausgefunden, dass die Gehirnwellen während des Spielens den während des Schlafes messbaren Gehirnwellen ähneln.

Natürlicherweise spielen alle gesunden jungen Säugetiere und auch unsere Kinder - wenn wir die dafür benötigten Bedingungen bereitstellen. In unserer Kultur wird dem freien Spiel jedoch wenig Bedeutsamkeit beigemessen und mehr und mehr Eltern berichten, dass ihre Kinder nicht mehr in versunkenes Spiel hineinfinden. Spiel ist nichts Dringendes und wird häufig überlagert von unserem Fokus auf Arbeit, Effizienz und Ergebnisse.

Echtes Spiel dient der Regeneration und ist ein Kokon für Transformation. Es ist eine Oase der Sicherheit und eine wichtige Aus-Zeit vom echten Leben: Das Kind kann sich von der Welt ausruhen und geht gleichzeitig mit der eigenen Lebenswelt in Beziehung. Das Kind drückt sich selbst und seine Emotionen aus und es entwickelt sich im Spiel in seine eigene Individualität hinein. Das echte Spiel ist gekennzeichnet von einer Bewegung, die von innen nach außen geht - wie ein Ausatmen des Kindes und dieses Kriterium erfüllt kein Videospiel. Es kann ein Spielfilm oder ein Hörspiel sein, wenn das Kind sich davon bewegen lässt. Oder ein Buch, das die Phantasie des Kindes anregt oder es dem Kind ermöglicht, indirekt mit seinen Emotionen in Verbindung zu gehen.

Das Spiel kümmert sich sozusagen um die Emotionen insofern als dass das Kind seinen Alarm, seine Frustration, seine Trauer und seinen Schmerz ins Spiel einfliessen lässt, diese zum Ausdruck kommen und sich verwandeln können. Im kreativen Spiel werden weiterhin Problemlösenetzwerke im Gehirn gebildet, die unseren Kindern später als Basis für schulisches Arbeiten dienen.

Das weite Reich des Spiels umfasst unzählige Spielwiesen und je nach Kind unterscheiden sich die Spieleneigungen und Lieblingsspiele - von Bewegungsspielen wie rennen, klettern, schaukeln, toben, Ball spielen, schwimmen, tanzen, Einrad fahren über Bauspiele - Baumhäuser, Höhlen oder Tipis bauen, werken, töpfern, Musik - singen oder ein Instrument spielen, kochen, backen, Naturmandalas, Rollenspiele, Gedichte oder Tagebuch schreiben, zeichnen, malen, Brettspiele, Puzzle usw.

Spiel wird leicht von Arbeit überlagert und braucht daher unseren Schutz. Um Spiel zu schützen kannst Du bewußt freie Zeit und Leerräume im Leben Deines Kindes schaffen - frei von strukturierten Aktivitäten, frei von Treffen mit Freunden oder auch Geschwistern und frei von Bildschirmen. Du kannst Deinem Kind oder Deinen Kindern eine spielfreundliche Umgebung anbieten, eine Umgebung die das kindliche Spiel einlädt - dies kann ganz einfach sein und je nach Alter und Spieleneigung des Kindes ein matschiges Stück Erde, ein Bach, ein knorriger Kletterbaum, verschiedenartige Hölzer und Stöcke, Murmeln, Bälle, Papier, Stift und Schere oder ein Puzzle sein. Hilfreich sind auch Spielerituale wie Spieleabende, Familienspielzeiten oder auch Jahreszeitenspiele.

Sobald das Kind ins Spiel gefunden hat, ist „wohlwollende Nachlässigkeit“ angesagt in dem Sinne dass Du das Kind in seinem natürlichen Tun wahrnimmst, dessen Spiel-Raum schützt und das Kind in seinem Tun möglichst nicht unterbrichst. Versuche auch davon abzusehen, das Kind für sein Spiel zu loben, damit sich das absichtslose Spiel des Kindes nicht in Arbeit verwandelt und das Kind es nicht tut, um Dir zu gefallen und versucht, durch Spiel Wertschätzung von Dir zu erlangen.

Obgleich es so unscheinbar daherkommt hat und häufig als ineffektiv und zeitverschwenderisch angesehen wird hat das kindliche Spiel es also in sich. Das (kindliche) Spiel ist in Wahrheit ein potenter Entwicklungshelfer und eine natürliche Heilquelle  - nicht nur, aber auch - in schwierigen Zeiten sowie eine wirkungsvolle Vorbereitung für das Leben unserer Kinder.

Zum Weiterforschen:
❤️ Wie erlebst Du Dein Kind oder Deine Kinder in Bezug auf Spiel? 
❤️ Wie ist Deine eigene Haltung zu Spiel? Gibt es eine Wertschätzung dafür? 
❤️ Oder räumst Du formalem Lernen und Förderung eine höhere Priorität im Leben Deines Kindes ein?
❤️ Was ist die natürliche Spieleneigung Deines Kindes, bei welchem Spiel leuchten die Augen Deines Kindes?  
❤️ Wie kannst Du Dein Kind in seiner natürlichen Spieleneigung unterstützen? 
❤️ Vielleicht magst Du auch noch Deine eigene Spieleneigung erforschen: Was hat Dir als Kind Freude gemacht? Welches Spiel lässt Dich als Erwachsener lebendig fühlen?